Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, dass man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat. Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug.
So beginnt Theodor W. Adornos berühmter Artikel über „Erziehung nach Auschwitz. Dieser Artikel ist ohne jeden Zweifel sehr lesenswert.
Adorno ist ja bekanntlich der „Hausgott“ der Linken, einer der Hauptvertreter der neomarxistischen Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Tatsächlich ist alles, was in Adornos Aufsatz über die Erziehung nach Auschwitz steht, bereits Mainstream-Denken geworden.
Die von Adorno aufgezeigten Erklärungsmuster haben Soziologie, Politikwissenschaft, Pädagogik und Psychologie durch und durch geprägt und sind so selbstverständlich geworden, daß andere Theorien völlig in Vergessenheit geraten sind.
Einige Beispiele: Der marxistische Grundsatz, daß die gesellschaftlichen Bedingungen, der gesellschaftliche Druck, das Handeln der Menschen bestimmt, ist die unhinterfragte Grundprämisse aller linken Politik.
Gängiges Denkmuster ist auch die Verbindung aller gesellschaftlichen Fragen mit den psychologischen Erklärungsmodellen nach den Theorien von Sigmund Freud.
Dazu gehört der deprimierende Glaube, daß im Zivilisationsprozeß bereits die Barbarei angelegt sei. Dieser Glaube verleitet dann zu der Schlußfolgerung, daß es eine mehr oder minder berechtigte Wut gegen Zivilisation und Zivilisiertheit gebe, die sich zwangsläufig Ausdruck in Wutausbrüchen schaffe. Hier möchte ich auf Jens Jessen hinweisen, der in seinem unsäglichen Videokommentar genau dieses typisch neomarxistische Denkmuster bedient hat. Das Herrschende, Allgemeine, würde das Besondere, also den Einzelmenschen, stets unterdrücken.
Fakt ist, das Denken der Frankfurter Schule ist der Leitfaden für Politik und Medien.
Viele, wenn nicht alle Vorschläge, die Adorno in seinem Text zur Erziehung macht, sind aufgegriffen worden. So zum Beispiel die psychische Beeinflussung des Einzelnen, die schon im Kleinkindalter beginnen soll.
Ich möchte nicht versuchen, diese neomarxistischen Glaubenssätze zu entkräften. Jeder der einen klaren Verstand und ein ungetrübtes Verhältnis zur Realität hat wird selbst erkennen, wo diese Glaubenssätze ihre Grenzen haben.
Nur zu zwei Textstellen in Adornos Aufsatz möchte ich etwas anmerken und damit zu weiterem Nachdenken anregen.
Adorno schreibt:
Dies Erziehungsbild der Härte, an das viele glauben mögen, ohne darüber nachzudenken, ist durch und durch verkehrt. Die Vorstellung, Männlichkeit bestehe in einem Höchstmass an Ertragenkönnen, wurde längst zum Deckbild eines Masochismus, der – wie die Psychologie dartat – mit dem Sadismus nur allzu leicht sich zusammenfindet. Das gepriesene Hart-Sein, zu dem da erzogen werden soll, bedeutet Gleichgültigkeit gegen den Schmerz schlechthin.
Es stimmt ohne Zweifel, daß in Deutschland bis 1945 diese „Erziehung zur Härte“ sehr hoch eingeschätzt wurde. Aber Adornos Worte zeigen, daß er das völlig falsch verstanden hat. Ein Mißverständnis, das sich bis heute im Mainstreamdenken festgefressen hat.
Bei dieser Erziehung zur Härte ging es niemals darum, eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Schmerz zu entwickeln, sondern eine Unabhängigkeit davon. Es ging darum, innere Freiheit zu erlangen, darüber selbst entscheiden zu können, ob man sich dem Schmerz oder einer anderen unangenehmen Empfindung unterwirft oder nicht. Es ging nicht um das Erlangen von Gleichgültigkeit, sondern um das Erreichen von innerer Stärke. Das wurde als Voraussetzung angesehen für Freiheit und Souveränität, für Entscheidungsfähigkeit über sich selbst.
Erziehung müsste Ernst machen mit einem Gedanken, der der Philosophie keineswegs fremd ist: dass man die Angst nicht verdrängen soll.
Auch hier meint Adorno, das frühere deutsche Erziehungsideal zu Härte und Furchtlosigkeit bemängeln zu müssen. Auch hier zeigt sich wieder ein Mißverständis. Es ging in diesem Erziehungsideal niemals darum, die eigenen Ängste zu verdrängen, sondern sich ihnen zu stellen und die Kraft zu entwickeln, sie zu überwinden.
Letztlich beklagt Adorno in seinem Aufsatz, daß es die verbreitete Kälte und Lieblosigkeit in der Gesellschaft sei, die ein Verbrechen wie Auschwitz möglich gemacht habe und die auch in Zukunft immer ein Problem bleibt. Dabei ist ihm nicht klar, daß es gerade die innere Stärke ist, die den Menschen fehlt, um wirklich lieben zu können.
[...] Linktipp: http://silberstreif.wordpress.com/2008/01/27/zu-adorno-erziehung-nach-auschwitz/ [...]