Michael Wildt hat ein neues Buch veröffentlicht: Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung – Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939. Hamburger Edition, Hamburg 2007.
Beim Lesen eines Artikels über dieses Buch weht einem sofort der üble Geruch der Meinungsmache entgegen. Angewidert muß man feststellen, hier hat mal wieder jemand daran erinnert, daß die Deutschen nicht anders können als böse sein, selbst dann wenn sie Konzepte entwickeln die sich erstmal ganz intelligent anhören.
Die Thesen des Buches sind ein Beispiel für undifferenzierte und voreingenommene Beschäftigung mit der deutschen Geschichte.
So meint Michael Wildt, das Konzept der Volksgemeinschaft führe zwangsläufig zu Verbrechen und Terror gegen Juden:
Volksgemeinschaft verstanden, wie Wildt an unzähligen Beispielen demonstriert, Nachbarn, Kollegen und Bürger seit 1919 als Selbstermächtigung, Juden anzugreifen, ihre Geschäfte und Synagogen zu schänden und Menschen öffentlich anzuprangern.
Kollegen und Nachbarn ermächtigten sich selbst, die Herstellung der Volksgemeinschaft durch gewaltsame Angriffe und Demütigungen von Juden und anderen in ihre eigenen Hände zu nehmen.
Die von Götz Aly und anderen beschriebene „Konsensdiktatur“ Nationalsozialismus ist von der Selbstermächtigung zur gewaltsamen Ausschließung und Ermordung der Juden nicht zu trennen.
Wir haben es hier mit einem Paradebeispiel für Geschichtsverdrehung zu tun. Wildt stellt einen kausalen Zusammenhang her, wo keiner ist. Nämlich zwischen dem Konzept der Volksgemeinschaft und den Verfolgungen und Angriffen gegen Juden.
Der Leser soll als „Moral von der Geschicht“ verstehen, daß Volksgemeinschaft auf direktem Wege zum Summum Malum, also zum Holocaust führt und deshalb niemals, weder in Vergangenheit noch Zukunft, als sinnvoller Gedanke verstanden werden darf. Egal wie viel Konsens tatsächlich in diesem Konzept steckt.
Eine differenzierte Beschäftigung mit dem Konzept Volksgemeinschaft hätte ich mir anders vorgestellt. So viel Ehrlichkeit muß sein, daß man bereit ist anzuerkennen daß in den wenigen Jahren tatsächlicher nationalsozialistischer Politik sehr viel Vorbildliches unter dem Etikett der Volksgemeinschaft verwirklicht worden ist.
Sicher war die zu große Exklusivität des NS-Konzeptes der Volksgemeinschaft ein Fehler. Denn die vielen Ausgeschlossenen und Ausgegrenzten wurden zu Gegnern, die letztlich zum Scheitern des ganzen Projektes mit beigetragen haben.
Der Wunsch nach Reinheit war verständlich, aber der Versuch ihn ungeduldig und mit Gewalt zu verwirklichen, war ein Irrtum. Denn hinter diesem Wunsch nach Reinheit steckte nicht, wie manche vermuten, eine Vorstellung von Sterilität und Homogenität, sondern von Kraft und Echtheit, von Wahrhaftigkeit im Ausdruck. Das läßt sich nicht innerhalb weniger Jahre durch gewaltsame Exklusion alles dessen, was man als angekränkelt empfindet, erreichen.
Die Verfolgung der Juden hat nichts mit dem Konzept der Volksgemeinschaft zu tun. Es hat sie immer gegeben, so lange wie es Juden in Europa gibt stoßen sie auf Mißtrauen und Ablehnung, die sich immer wieder in Angriffen und Vertreibungsversuchen geäußert hat.
Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich in weiten Teilen der Bevölkerung die Wut gegen Juden angestaut, und diese Wut kam zum Ausbruch. In der Anfangszeit des NS-Regimes verfolgte Hitler eine Politik, bei der er diesem Ausbruch des Volkszorns freie Bahn ließ, weil er meinte, das sei irgendwie berechtigt.
Richtig ist, daß diese Vorstellung Hitlers schon von damaligen Zeitgenossen scharf kritisiert wurde. Trotzdem kam es noch im November 1938 zu einem Freilassen des Volkszorns, als während der sogenannten „Pogromnacht“ diverse Synagogen in Flammen aufgingen.
Für eine objektive Geschichtsbetrachtung würde ich mir wünschen, daß einmal die Ursache für diesen sichtbar großen Hass der Deutschen auf die Juden beleuchtet wird.
Die gängigen Erklärungsmuster vom bösen Gen des Deutschen, von einer kollektiven Krankheit namens „autoritärer Charakter“ oder schlicht von dumpfen, archaischen und irrationalen Ressentiments sind ziemlich unbefriedigend. Sie sind in keiner Weise geeignet, die Phänomene der universellen Judenfeindschaft zu erklären.
Die Frage ist, hätte sich Volksgemeinschaft schrittweise verwirklichen lassen, ohne daß es zu Ausschreitungen gegen Juden gekommen wäre? Mit Sicherheit ja, denn die Ausschreitungen lagen daran, daß sie von dem damaligen Regime mehr oder minder erlaubt waren, daß sie zugelassen wurden, obwohl die Möglichkeiten vorhanden waren sie zu unterbinden.
Und die Idee zu diesem Zulassen ging von Hitler, auch von Goebbels aus, die beide eine Nähe zum „einfachen Volk“ verspürten und wohl selber auch von gewissen persönlichen Rachegefühlen angetrieben waren. Sie machten den Fehler das nicht aus der Politik herauszuhalten sondern sie erlaubten zumindest teilweise solche Ausbrüche des Volkszorns.
sehr guter text. nicht schlecht. einfühlsam, verständig, kritisch. ich werde mir diesen blog mal merken.
gruss – peter