Es folgt eine Erklärung des Leipziger Professors Michael Vogt. Professor Vogt wurde wegen angeblicher Nähe zum Rechtsextremismus nach einer Medienkampagne schließlich entlassen, wie wir hier und hier berichtet haben.
Prof. Dr. Michael Friedrich Vogt, M. A.
Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit verletzt
Im Rahmen meiner Tätigkeit als Historiker, Publizist und Filmproduzent bearbeite ich in Dokumentarfilmen ein breites Spektrum von Themen der Zeitgeschichte, u. a. für namhafte Medien wie ARD/WDR/BR, ZDF, PRO Sieben, n-tv etc. In meinen Filmen habe ich als Historiker Daten, Fakten und Dokumente dargestellt, die teilweise gerade erst der Wissenschaft zugänglich gemacht wurden oder der deutschen Öffentlichkeit noch nicht ausreichend bekannt waren. Und ich habe offene Fragen angesprochen.
In keinem meiner Filme nehme ich einen persönlichen politischen Standpunkt ein, sondern zeige dem jeweiligen Sachverhalt oder Person entsprechend dessen Standort auf. Das ist naturgemäß und bei der Bandbreite meiner Filme immer sehr unterschiedlich.
Dabei verstehe ich mich durchaus als einen nonkonformen und unbequemen Historiker und Publizisten, der offenen Fragen und ungeklärten Sachverhalten nachgeht und der sich auch dann nicht verbiegt, wenn die Inhalte seiner Arbeit nicht überall auf Beifall stoßen. Man muß nicht meiner Meinung sein und meine aus historischen Forschungen stammenden und in Filme umgesetzten Ergebnisse nicht teilen. Aber man muß im Sinne Rosa Luxemburgs, wonach die Freiheit die Freiheit des Andersdenkenden ist, ihre Aussprache tolerieren. Das ist so in einem freiheitlichen Rechtsstaat, in dem Wissenschafts- und Meinungsfreiheit garantiert ist.
Nun könnte ich mich in meinen Ergebnissen geirrt haben, Fälschungen aufgesessen sein. Wer ist das in der Wissenschaft nicht? Die Wissenschaft von morgen wird immer die von heute und gestern relativieren, ergänzen oder gar widerlegen. Selbst wenn also meine Filme Fehler enthielten, dürfte ein Film aus 2003 kein Grund sein, um jemanden 2007 einer Säuberung zu unterziehen.
Neben dem Bärendienst, den sich die Medien mit dieser heute ja so in Mode gekommenen medialen Hinrichtung in Sachen Meinungsfreiheit letztlich selbst geliefert haben, ist es aber so, daß eine fachliche Auseinandersetzung um meinen primär kritisierten Film (Englandflug von Heß 1941) aus 2003/2004 nie statt gefunden hat.
Hier muß ich die dümmlichen Hinweise, „revisionistisch und verschwörungstheoretisch“ gearbeitet zu haben, zurückweisen, da diese nur der Diffamierung nicht aber der inhaltlichen Auseinandersetzung dienen (und natürlich auch dienen sollten):
Als Historiker ist man den Fakten oder, um einen komplett aus der Mode gekommenen Begriff zu verwenden, der Wahrheit verpflichtet. Im Fall Heß, dessen Akten im britischen Staatsarchiv z. T. bis 2021 (also noch 80 Jahre nach seinem Flug 1941) gesperrt sind, gab es neue Erkenntnisse. Mein Film paßt nun nicht ins politische Weltbild, weil er neueste und (entgegen allen anderen Behauptungen und Darstellungen) echte und unwiderlegte Dokumente zeigt, die belegen, daß 1940/41 seitens der Churchillregierung jegliche Friedensinitiativen (selbst die von führenden Repräsentanten des Deutschen Widerstandes) abgelehnt und eine unbedingte Politik der Kriegsausweitung betrieben wurde.
Den kabinettsinternen Disput um die Politik Churchills, die massiv von seinem eigenen Geheimdienstchef (Hugh Dalton) kritisiert wurde, der Millionen von Opfern prognostizierte, zeige ich anhand von Dokumenten. Daß Heß sehr wahrscheinlich mit einem konkreten Friedensvorschlag nach England flog, sollte nicht bekannt werden. Daher durfte im Nürnberger Prozeß Prof. Haushofer, der die Pläne von Heß kannte und in seinem Auftrag den Flug plante, auf keinen Fall aussagen. Und so erhielten Haushofer und seine Frau vor seiner geplanten Zeugenaussage Besuch von zwei britischen Geheimdienstagenten. Die Herren müssen so überzeugend gewesen sein, daß Haushofer sich selbigen Tages zusammen mit seiner Frau im Wald erhängte. Die beiden Geheimagenten konnten erleichtert nach England melden, daß „das Problem diesen Mann betreffend beseitigt“ wurde. Dieses Telex zeige ich in meinem Film und habe es im Britischen Staatsarchiv aufgenommen.
Auch Heß verübte 1987 angeblich spontan Selbstmord, als Gorbatschow laut Radio Moskau verkünden ließ, Heß noch vor Weihnachten nach Hause zu entlassen. Keine der seitens der Engländer am Todestag veröffentlichten Todesursachen (Selbstmord durch Erschießen, durch Erdrosseln oder schließlich durch Erhängen) stimmen, und vieles spricht hier für Mord und nur wenig für Selbstmord.
Da die Faktenlage eindeutig und unwiderlegbar ist, bleibt den politischen Inquisitoren nur der Vorwurf, ein solcher Film provoziere Beifall von der falschen Seite und sei von daher – auch bei eindeutiger Beweislage – nicht zulässig. Volkspädagogisch unerwünschte Wahrheiten darf man also nicht verbreiten. Soviel zur Freiheit der Wissenschaft unter Kuratel bewährter deutscher Blockwartmentalität.
Die Frage ist also: Wollen wir eine politisch gleichgeschaltete Wissenschaft, in der die Ergebnisse und deren Publizierung abhängig vom politischen Nutzen oder Schaden gemacht wird? Oder geht es um die Freiheit der Wissenschaft, die auch unbequeme Wahrheiten erträgt? Die Erde ist nun einmal keine Scheibe, auch wenn dieses Ergebnis auch schon einmal politisch unkorrekt war. Als Historiker und Journalist habe in meinen Filmen selbstverständlich weder rassistische, antisemitische oder nazistische Standpunkte eingenommen. Das habe ich nie getan und werde es auch in Zukunft nie tun.
Im Gegenteil, meine Filme enthalten sehr deutliche Worte der Verurteilung der NS-Verbrechen. Rassistisches, Antisemitisches oder Nazistisches lehne ich ab. Wer meine Filme wirklich gesehen hat, wird das bestätigen – sämtliche Vorwürfe (revisionistisch, antisemitisch, rassistisch, verschwörungstheoretisch) sind aus der Luft gegriffen und zeugen nur davon, sich mit den Filmen inhaltlich nicht auseinandersetzen zu wollen oder zu können.
Die Natur meiner Arbeit als Historiker bedingt, auch Fakten zu dokumentieren, die verschiedenen Interessensgruppen zuwiderlaufen bzw. auch zu Beifall von der falschen Seite führen können. Daß ich mich dabei in den verschiedensten politischen Lagern Anfeindungen aussetze und ausgesetzt habe, ist nicht zu vermeiden. Natürlich lassen sich die Sowjets Kriegsverbrechen der Roten Armee nicht gerne im deutschen Fernsehen vorhalten. Und auch die Engländer waren sicherlich nicht „amused“, zehn Jahre nach einer entsprechenden englischen Dokumentation in der BBC nun auch im deutschen Fernsehen sehen zu müssen, daß es viele gute Gründe für die These gibt, daß Heß 1987 nicht durch Selbstmord umkam.
Ich prüfe die Fakten, die ich verwende, sorgfältigst und verwende nur solche, die jeder Prüfung standhalten. Ich kann und darf aber meine Faktenauswahl nicht daran orientieren, wem ich mit diesen Fakten politisch „auf die Zehen trete“ oder politisch gefalle und Beifall ernte. Das Aussprechen der Wahrheit kann nicht an der potentiellen Resonanz orientiert oder im Hinblick auf die mögliche Perzeption verworfen werden.
Eine erwiesene historische Tatsache wertfrei als solche zu dokumentieren darf einen Historiker, dessen Beruf und wissenschaftlicher Auftrag es ist, genau das zu tun, weder zum „Kameraden“ im einen Lager noch zum Freiwild im anderen politischen Lager stempeln.
Ich beanspruchte als Historiker und Journalist in der Vergangenheit und beanspruche das auch in Zukunft, nur der historischen Wahrheit verpflichtet zu sein und in unserem demokratischen Staat, abgesichert durch die Wissenschafts- und die Meinungsfreiheit, die von mir erarbeitete historische Wahrheit auch publizieren zu dürfen.
Maulkörbe und Hexenjagden auf den politisch Andersdenkenden dürfen kein Stilmittel der Auseinandersetzung in der Wissenschaft in einem demokratischen Staat sein. Die Freiheit der Wissenschaft muß nach den schlimmen Erfahrungen 1933/45 und in der DDR bis 1989 ein kompromißlos zu verteidigendes Gut sein.
Und: Wissenschaft muß den Dissens, den Disput und den Diskurs ertragen, ja, sie kann ohne all das nicht leben und sich weiterentwickeln. Ein Ausschließen von Wissenschaftlern aus dem Wissenschaftsbetrieb, weil sie irgendeiner einer politischen Richtung nicht passen, käme einer Gleichschaltung gleich – also dem Ende von Wissenschaft. In diesem Sinne bin ich dem schönen Wort Martin Luthers verpflichtet: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ Oder, um es mit Rosa Luxemburg, einem modernern Freigeist zu sagen: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“
Prof. Dr. Michael Vogt, M. A.
Sehr geehrter Herr Professor Vogt,
mit grossem Interesse habe ich Ihre Worte zur Verteidigung der Meinungsfreiheit gelesen.
Es geht mir dabei nicht um das Theme „Heß“, sondern vielmehr um die von Ihnen angesprochene Wahrheitsfindung und deren publizistische Verbreitung in Verbindung mit uneingeschränkter Meinungsfreiheit.-
Nach meinem Eindruck besteht dringender Bedarf, für eben diese wissenschaftlich fundierte Wahrheitsfindung, in hohem Maße auch für die bundesdeutsche Handhabung der „Deutschen Einheit“ seit 1990 und der damit verbundenen Diffamierung und die auf falschen Aussagen der Regierung Kohl basierende Aussperrung der Opfer der sogenannten Industrie- und Bodenreform der Nachkriegsjahre 1945-1949.
Ich frage mich, ob ein mutiger Mensch wie Sie das zweifellos sind, sich nicht dieses Themas in neutraler wissenschftlicher Form annehmen könnte, da es sicherlich ungewöhlich hohen politischen Sprengstoff enthält?
Mit freundlichem Gruß
Hanno Wulffen, Pietzpuhl