Der bekannteste Hitler-Attentäter Claus Graf Schenk von Stauffenberg erlebt zur Zeit große mediale Aufmerksamkeit. Dabei wäre er, wenn er heute leben würde, mit seiner Einstellung und seinen Werten als übelster Rechtsextremist verschrieen.
Stauffenberg war Mitglied des Kreises um den elitären Dichterfürsten Stefan George. Seine Anhänger pflegten die Vision und das Leitbild eines durch und durch heroischen und aristokratischen Deutschland. So auch Stauffenberg.
Stauffenberg war Offizier. Er war es mit allergrößter Selbstverständlichkeit und er war es gerne. Gegen weite Teile der nationalsozialistischen Politik hatte er überhaupt nichts einzuwenden. Den Ausbruch des Krieges betrachtete er als eine Erlösung, denn „der Krieg sei ja schließlich sein Handwerk von Jahrhunderten her.“
Aus dem Polenfeldzug schrieb er in Briefen an seine Frau nach Hause: „Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel. Sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt.“ (*)
Stauffenbergs Talente wurden erkannt und er wurde noch während des Polenfeldzugs in den Generalstab des Heeres kommandiert. Dort widmete er sich mit großem Eifer seinen Aufgaben, den Rußlandfeldzug vorzubereiten.
Der Widerstand der Offiziere gegen Hitler war von Anfang an unentschlossen. Die Abneigung gegen Hitler beruhte hauptsächlich auf der Tatsache, daß Hitler den höheren Wehrmachtskreisen zu plebejisch und zu vulgär war. Darin sah man eine Gefahr. Ihm fehlte die aristokratische Gelassenheit und Souveränität, die man sich von einem Staatsoberhaupt wünschte. Letztlich sollten die Offiziere damit Recht behalten.
Hitlers persönliche Unsicherheit und sein mangelndes Vertrauen sowohl in sich selbst als auch in das Volk haben ihn zu großen Fehlern verleitet.
Dennoch formierte sich der Widerstand in Wehrmachtskreisen nur sehr zögerlich, denn die Pflichterfüllung gegenüber dem Souverän galt als ein sehr hoher Wert. Deshalb lehnte auch Stauffenberg erste Einladungen, im Widerstand mitzuarbeiten, entschieden ab: „Während des Krieges darf man sowas nicht machen, vor allem nicht während eines Krieges gegen die Bolschewisten. Aber dann, wenn wir nach Hause kommen, werden wir mit der braunen Pest aufräumen.“ (*)
Noch während der schweren Niederlage des deutschen Heeres vor Moskau im Dezember 1941 unterstütze Stauffenberg Hitlers Kurs. Erst im September 1942, als sich Hitlers Fehlentscheidungen in der Kriegsführung anhäufen und nur noch in einer Katastrophe enden können, wird Stauffenberg zum Widerständler.
Stauffenberg wurde lange Zeit nicht als Held sondern eher als Verräter betrachtet, wie in diesem Artikel zu lesen ist.
Oft wird bei einer Betrachtung des Widerstandes übersehen, daß nicht nur in Wehrmachtskreisen geplant wurde, Hitler auszuschalten. Selbst die überzeugtesten Hitler – Anhänger spielten angesichts der sich anbahnenden Katastrophe mit dem Gedanken, Hitler zu töten.
Keiner war von dem furchtbaren inneren Konflikt ausgenommen, entweder Hitler treu zu bleiben und damit die Ziele, für die sie selbst und eigentlich auch Hitler angetreten waren zu verraten, oder Hitler zu beseitigen und damit den Wert der Gefolgschaftstreue und des Vertrauens in die Staatsführung zu verraten.
Es war ein furchtbares Dilemma in dem alle steckten. Es gab keinen guten Ausweg aus dieser Situation. Auch in den Führungskreisen der SS gab es einen Widerstand, der sich von dem der Wehrmacht inhaltlich eigentlich in nichts unterschied.
Himmler zum Beispiel plante sehr konkret, Hitler zu beseitigen. Auch er war zu diesem Schritt bereit, wenn es etwas gebracht hätte für den Fortbestand Deutschlands.
Als aber die Überprüfung aller Informationen die von Seiten der Alliierten kamen ergaben, daß Deutschlands Vernichtung beschlossene Sache war, ob mit oder ohne Hitler, erkannte Himmler daß eine Beseitigung Hitlers nur einen symbolischen Wert haben würde. Himmler entschied sich letztendlich für die Treue zu Hitler, obwohl das den sicheren Untergang bedeutete.
Stauffenberg entschied sich für die symbolhafte Tat, wohl wissend, daß es keinen Sinn macht und daß er als Verräter da stehen würde. Aber er ahnte wohl, daß seine Tat eine Bedeutung haben wird in einer späteren Zeit.
(*) zitiert nach: Michael Wildt, Ethos der Tat, in: Ursula Breymayer, Bernd Ulrich, Karin Wieland (Hg.), Willensmenschen, Über deutsche Offiziere, Frankfurt am Main 1999