Das frankfurter Sigmund-Freud-Institut für psychoanalytische Forschung hat eine interessante wissenschaftliche Tagung veranstaltet. Es ging um das Thema: „Szenische Erinnerungen der Shoah“.
Es wurde untersucht, wie Überlebende, Opfer und Täter, mit den Erinnerungen umgehen und wie sie diese verbal oder nonverbal an ihre Nachkommen weiter geben.
Während dieser Tagung sprach Julia Bernstein von einer anderen Sicht russischer Juden zur Shoa:
„Sie berichtete von ihrer Feldforschung unter russischen Juden, die nach dem Zerfall der Sowjetunion nach Deutschland kamen. Und die eine ganz andere Sicht auf die Shoa und sich selbst haben. Jahrzehntelang der sowjetischen Propaganda ausgesetzt, feiern sie auch heute den 9. Mai als Tag des Sieges im „Großen Vaterländischen Krieg“. Zugleich haben sie Probleme damit, als Sieger und als Juden jetzt deutsche Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. Ein Mann sagte ihr: „Wir Juden sind Opfer? Davon weiß ich nichts. Das Opfer spielen wir doch nur für die deutschen Behörden.“
Liebe Leute, der Artikel in der Frankfurter Rundschau ist in vieler Hinsicht wirr und unvollständig. Eine Zumutung ist aber, dass der FR-Autor behauptet, Julia Bernstein habe einen ihrer Interviewpartner mit den obigen Worten zitiert. Das hat Julia Bernstein nicht getan. Das erfundene (!) Zitat erweckt den Eindruck, hier „spiele“ jemand Opfer nur für deutsche Behörden, um sich Sozialleistungen zu erschleichen. Der Journalist der FR hat den Tenor des Vortrags wie auch die dortige Schilderung des Interviews, auf das er Bezug nimmt, nicht verstanden. Es ging Julia Bernstein in ihrem Vortrag, der mir schriftlich vorliegt, darum zu zeigen, dass russischsprachige Juden, die nach dem Zerfall der Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind, sich sehr schwer damit tun, (hier) von sich als von Opfern zu sprechen. Sie sind zwar doppelt Opfer geworden – Opfer der Nazis und des Stalinismus – aber es war in der SU nicht möglich, über den Holocaust zu sprechen. Man war Teil einer siegreichen Nation über den Faschismus und feiert den 8. Mai als Symbol dieses Sieges. Dass von ehemals etwa 5,4 Millionen Juden in der SU im Holocaust etwa 2,7 Millionen umgebracht wurden, durfte in der sowjetischen Propaganda nicht vorkommen.
Es geht also im Vortrag wie auch dem Interviewpartner nicht um ein tatsächliches OpferSEIN, das in Frage gestellt wird, sondern um eine IDENTITÄT als Opfer, die abgelehnt wird.
Julia Bernsteins Forschung ist besonders interessant, weil sie zeigt, wie die nach 1989 nach Deutschland immigrierten überlebenden russischsprachigen Juden und ihre Nachkommen zum großen Teil eine andere IDENTITÄT haben als die überlebenden westeuropäischen Juden – vor dem Hintergrund derselben Verfolgungsgeschichte. Das Erstaunliche ist, dass es so unterschiedliche Erfahrungen und Selbstbilder von Juden in Deutschland gibt.
Bitte löschen Sie, wenn möglich, den Link zu diesem unsäglichen FR-Artikel, damit dieses völlige Missverständnis nicht noch weiter verbreitet wird.
Vielen Dank und freundliche Grüße
Anja Uhling
Aus Dokumentationsgründen bleibt der Link stehen. Aber mit Ihrem Kommentar haben Sie, denke ich den Sachverhalt richtig gestellt.